Ein Blick in die Zukunft: 
 ĂŒber den möglichen Stand der Konzepte DiversitĂ€t, Inklusion, Aus- und Abgrenzung und deren ReprĂ€sentanz in den Köpfen der Menschen in ca. 20 Jahren
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Diese Texte sind von Studierenden der ehs Dresden im 6. Semester entworfen und entstanden im Rahmen eines Seminars von Prof. Uwe Hirschfeld zu den Handlungsfeldern: Assistenz bei psychischer Krankheit und Behinderung, Erziehung, Familie und soziale Beratung sowie Aufsuchende und Offene Arbeit.

Utopie Nr I
Er erwachte vom Tosen des Windes und Donnern des Gewitters. Plötzlich wurden die Fenster aufgerissen und ein AuslÀufer des Unwetters strömte in sein Schlafzimmer und ergriff ihn. Der Sturm riss ihn aus dem Bett und mit sich, aus dem Fenster hinaus und in die Weite. Er verschwand inmitten der Wolken. Toni wurde ohnmÀchtig. Als er erwachte, fand er sich in einer ihm fremden Umgebung wieder.

Er lag auf dem RĂŒcken, Blick in Richtung der Wölkchen, geformt wie kleine Schafe. Um ihn herum grĂŒne Wiesen. Durch sie fĂŒhrte ein schmaler Weg. In der Ferne erblickte er nach oben strebende Gebilde. Toni konnte sie nicht einordnen und wĂ€hrend er so ĂŒberlegte, was er da so sah, strömte ihm ein köstlicher Geruch nach Knoblauch in die Nase. Was war das? Pizza? Ja! Es roch nach Pizza! Plötzlich fiel ihm auf, wie leer sein Magen war. Es musste Stunden her sein, dass er das letzte Mal gegessen hatte. Also beschloss er, dem Duft zu folgen. Er lief recht lang den Weg entlang und gelangte zu dem Gebilde. Jetzt erkannte er, was er da vor sich hatte: Es war eine Art Bahnstation, aber auf Stahlstreben in die Höhe gebaut. Wo war er denn hier gelandet? So etwas kannte er nur aus Romanen und Comics. Doch der Hunger in ihm war stĂ€rker als die Verwunderung, so ging er zunĂ€chst zum Pizzastand an der Station. Der PizzabĂ€cker wirkte eigenartig gut gelaunt. Toni wollte gerade ĂŒberlegen, welches StĂŒck er haben wolle, als ihm auffiel, dass er seine Geldbörse nicht dabei hatte. Und ĂŒberhaupt standen auch gar keine Preise an den verschiedenen StĂŒcken in der Auslage. Er traute sich nicht recht, zu fragen, ob er dennoch eines bekommen könnte und beschloss, erst einmal hungrig weiterzugehen. Er hĂ€tte sonst sowieso wieder Mundgeruch bekommen. Er ging auf die Station hinauf und ĂŒberlegte gerade, wen er ansprechen und nach Geld fragen könnte, als er ein – was war es eigentlich? Ein MĂ€dchen? – entdeckte. Sie
 es
 saß auf einer Bank und las ein Buch. Es hatte feminine GesichtszĂŒge, doch die Kleidung war so gar nicht, wie er es von den MĂ€dchen aus seiner Schule kannte. Das Gesicht ganz ungeschminkt und kurze, verstrubbelte Haare. Naja, er konnte jetzt nicht wĂ€hlerisch sein, also beschloss er, das Wesen anzusprechen. Er erfuhr schnell, dass es wirklich ein MĂ€dchen war. Isabell war ihr Name. Sie war sehr freundlich, jedoch verwundert, als er sie nach Geld fragte. Fast so, als ob sie ĂŒberhaupt nicht verstĂŒnde, was er von ihr wollte. Isabell meinte, er brauche kein Geld, um mit der Bahn zu fahren. Das ginge einfach so. Es wĂŒrde natĂŒrlich nichts von einem verlangt als Gegenleistung. Sie erklĂ€rte sich bereit, mit ihm ein wenig die Gegend zu erkunden, da sie auch nicht viel zu tun hatte. Also bestiegen sie gemeinsam die nĂ€chste Bahn. „Was liest du da eigentlich?“, fragte Toni. „Ein Sex-Magazin.“, antwortete sie, als sei das völlig natĂŒrlich, dass MĂ€dchen so etwas lesen wĂŒrden. In aller Öffentlichkeit! Doch niemand in der Bahn schien sich zu wundern, dabei hatte Isabell nicht gerade leise gesprochen. Auch von Scham schien jede Spur zu fehlen. Toni sah sich in der Bahn weiter um. Hier liefen schon recht seltsam aussehende Menschen herum. Beispielsweise erblickte er eine Frau, zumindest ordnete er sie zunĂ€chst so ein, mit einer Glatze. Das hielt er schon fĂŒr recht ungewöhnlich. Er beschloss, lieber aus dem Fenster zu blicken. Die Magnetschwebebahn rauschte an der Landschaft vorbei. Es war viel GrĂŒn zu sehen. Ab und an schimmerte etwas Beton durch die Pflanzendecke. Was war das? Irgendwann erkannte er mit zugekniffenen Augen ein paar alte, verfallene Schornsteine. Aus ihnen schien schon lange kein Rauch mehr aufgestiegen zu sein. Plötzlich fiel ihm auf, dass er noch gar keine Autos auf der Strecke gesehen hatte und beschloss, Isabell danach zu fragen. Sie antwortete: „Autos? NatĂŒrlich gibt es Autos. Das sind natĂŒrlich mittlerweile viel weniger als noch vor 30 Jahren zum Beispiel. Und auch nicht so furchtbare Dreckschleudern. Wir fahren doch alle, wenn ĂŒberhaupt, mit Elektroautos, die fair produziert werden. DafĂŒr wurden viele alte Autos als Teilelager benutzt. Die restlichen dienen jetzt als Sitze in unseren Kult-Outdoor-Kinos.“ „Also haben doch alle Autos?“ „Nein, natĂŒrlich nicht. Aber, wenn wir ein Auto brauchen, nehmen wir eines.“ „Wie soll das gehen?“, fragte er verwundert. „Nun, wir haben ein Teil-System. Wenn wer ein Auto braucht, kann hem es nutzen.“ ‚Hem‘. Was fĂŒr ein seltsames Wort. Was sollte das bedeuten? Irgendwo hatte er das auch schon einmal gehört
 Ah ja, das war ein Bericht ĂŒber einen skandinavischen Kindergarten. War wohl ein Pronomen fĂŒr alle Geschlechter. Überhaupt hatte er schon viele solche Wörter an Tafeln gesehen, an denen sie vorbeigefahren waren. Doch er beschloss, spĂ€ter genauer danach zu fragen. Noch war die Frage bezĂŒglich der Autos zu klĂ€ren. „Wie, man kann sich einfach eins nehmen?“ „Nun ja, es gibt Stationen, an denen die Teilautos abgestellt werden. Wenn eines gebraucht wird, wird es abgeholt und spĂ€ter zurĂŒck gebracht. Oder zu einer anderen Station. Aber eigentlich gibt es immer welche an allen Stationen, weil wir ja nur selten Autos brauchen. Unser Bahnnetz ist so klasse… Sag mal
 Wo kommst du denn eigentlich her, dass du das alles nicht kennst?“ Die Frage ließ in ihm leichten Ärger hochkommen. Sie redete ja fast mit ihm, als sei er ein HinterwĂ€ldler. Doch in der Schule hatte er gelernt, dass solche Sachen in einem Dialog geklĂ€rt werden sollten. Schließlich fragte er sich ja auch, was hier los war. Gerade, als er ĂŒberlegte, was er antworten sollte, stiegen sie aus. „Das ist meine Schule.“, erklĂ€rte sie ihm, wĂ€hrend sie auf ein helles, freundliches GebĂ€ude zeigte. Sie gingen hinein und sie zeigte ihm ihren Lieblingsraum. „Das ist unser Musikraum. Hier gibt es alle möglichen Instrumente.“ „Aha
 du magst also Musikunterricht? Mich nervt das ja immer, alte Lieder singen zu mĂŒssen“, meinte er. „Wie meinst du das? Wir können doch alle frei wĂ€hlen, ob wir singen oder nicht. Oder was wir in „Freier Entfaltung“ so machen.“ „‚Freie Entfaltung‘? Was soll das sein?“ „‚F. E.‘ Ist natĂŒrlich eines unserer FĂ€cher. Da können wir uns aussuchen, was wir belegen möchten. Wir können uns ganz kreativ austoben. Wir können sogar zwischen den Angeboten, die meist aus Kunst, Kultur oder Sport kommen, immer wechseln.“ „Wow, das klingt ja wahnsinnig cool. Ihr könnt euch also alles aussuchen?“ „NatĂŒrlich nicht alles. Es gibt schon FĂ€cher, die wir alle machen mĂŒssen. So etwas wie ‚Politische Bildung und Partizipation‘ oder ‚Umgang mit der Umwelt‘ sind natĂŒrlich Pflicht.“ Das klang alles sehr spannend. Er hĂ€tte fast selbst noch einmal Lust bekommen, in so eine Schule zu gehen, dabei war doch erst vor kurzem mit der zehnten Klasse fertig geworden und hatte sich danach geschworen, nie wieder einen Fuß in so ein GebĂ€ude zu setzen. Diese Welt war schon faszinierend. Sie schien so viel zu bergen, was so viel besser war als bei ihm zu Hause. Die Menschen schienen sich wohlzufĂŒhlen – sowohl von ihrem Inneren her, als auch mit ihrem Äußeren. Er hatte richtig Lust bekommen, diese Welt weiter zu erkunden, als er mit einem Mal erwachte. Schon wieder. Er hatte wohl nur getrĂ€umt. So eine Welt war wohl auch zu schön, um wahr zu sein
 Obwohl? Eigentlich kam nichts darin vor, was nicht mit gegebenen Mitteln jetzt schon möglich war. Also fasste Toni einen Entschluss: Er wollte so vielen Menschen wie möglich von seinem Traum erzĂ€hlen und ganz viele davon ĂŒberzeugen, dass alle zusammen etwas Ă€ndern und diese Welt schon möglich machen können.

Utopie Nr. II
Ein Blick aus dem Fenster verrĂ€t ihr, dass sie Wollpullover und Schal einpacken sollte. Die Fensterscheibe, durch die sanftes Licht in den Raum fĂ€llt, ist mit stromproduzierenden Solarzellen bestĂŒckt. Der Duft von Kaffee liegt in der Luft, sie umklammert ihre warme Tasse, den Blick ins Leere schweifend. Im Hintergrund tönt ein Fernseher, das heißt, eine drei Millimeter dĂŒnne, auf die Wand aufgeklebte flimmernde Folie, die mit verschiedenen Boxen in der Wohnung verbunden ist. Im Morgenmagazin der Stadt Dresden berichtet eine Wissenschaftlergruppe von neuen Projektideen wie dem weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien und den Chancen des Cradle-to-Cradle-Prinzips. Nicht nur die öffentlich-rechtlichen Sender mussten sich dazu verpflichten, ihren Anteil an positiven und allgemeinbildenden Nachrichtensendungen deutlich zu erhöhen.

„Heute ist ein schöner Tag“, denkt sich Susanne und beginnt sich fĂŒr ihren Termin beim Zahnarzt fertig zu machen. Aufgrund eines Knochenbruchs ihrer linken Hand, den sie beim Radfahren erlitt, kann sie ihrer Arbeit im Altenheim gerade nicht nachgehen. Die Zwangspause nutzt sie, um die sonnigen Herbsttage in ihrer kleinen Parzelle in der stĂ€dtischen Kooperative mit ihren Freundinnen und Freunden zu verbringen und diese fĂŒr den Winter vorzubereiten, auch wenn sie mit nur einer Hand mehr Zeit als sonst dafĂŒr benötigt. Doch sie werden gebraucht und die Stadt subventioniert die Kooperative seit drei Jahren. Die landwirtschaftlichen GroßflĂ€chen im Dresdner Umland haben durch DĂŒrren, ÜberdĂŒngung und zu intensive Bewirtschaftung in der Vergangenheit so gelitten, dass es nötig wurde, kleine, urbane Kooperativen inmitten der Stadtviertel zu grĂŒnden. Diese gewĂ€hrleisten den BĂŒrgern den Zugang zu frischem Obst und GemĂŒse. Überall, wo es möglich ist, stellt die Stadt Dresden den Menschen bedingungslos Frei- und BrachflĂ€chen zur allgemeinen Bewirtschaftung zur VerfĂŒgung. Sie kreierte dafĂŒr zudem ein eigenes „Regio-Label“, das landwirtschaftliche Erzeugnisse aus dem Umland in den SupermĂ€rkten kennzeichnet und durch Subventionierung erschwinglich fĂŒr alle macht.

Susannes Stimmung wird etwas melancholisch, als sie ihren Blick aus dem Fenster ĂŒber den Horizont schweifen lĂ€sst und an den Raubbau denkt, den die Menschen mit der Natur betrieben, damit ein paar Wenige von ihnen möglichst viel verdienten. „Warum musste es erst zusammenbrechen, damit sich in den Köpfen der Politiker und Wirtschaftseliten etwas Ă€ndert?“, denkt sie sich, ihre leere Tasse auf den Tisch stellend. „Sei es drum. Wir haben einen Weg gefunden. Ich packe noch ein paar frische Äpfel fĂŒr Hakim ein und dann fahre ich los.“ Susanne ist seit fĂŒnf Jahren Patientin bei ihm.

Hakim, ein 33-jĂ€hriger Zahnarzt auf der Dresdner SĂŒdhöhe, schlendert zur selben Zeit pfeifend durch das GebĂ€ude, in dem sich seine Praxis befindet. An einem blinkenden Display drĂŒckt er ein paar Knöpfe, um zu ĂŒberprĂŒfen, ob sich die Heizungsanlage der Praxis den heutigen Außentemperaturen entsprechend selbststĂ€ndig anpasst. Über einen Regler steuert er die Solarenergieanlage auf dem Dach an und erkundigt sich nach dem Hitzestand im Schilf-Ofen, der fĂŒr die Heizung verantwortlich ist. Er hĂ€tte es anfangs nicht fĂŒr möglich gehalten, doch seit ĂŒber drei Jahren gewinnt er die WĂ€rmenergie fĂŒr die kalte Jahreszeit durch das Verbrennen von Schilf aus dem dafĂŒr angelegten Garten im Hinterhof. Der Garten ist mit der Schule von nebenan verbunden. Das gefilterte Abwasser beider GebĂ€ude wird dafĂŒr in einen angelegten Teich geleitet, wo das Schilf neben weiteren Nutzpflanzen im Garten wĂ€chst, wodurch zugleich Obst und GemĂŒse fĂŒr die Schulkantine zur VerfĂŒgung gestellt werden. Um das Anbauen, Pflegen, Verarbeiten und Verbrennen kĂŒmmert sich der Hausmeister zusammen mit einer Lehrkraft fĂŒr das Schulfach „Energiewirtschaft“, um die SchĂŒler(innen) praktisch mit naturwissenschaftlichen Themen aus Chemie, Biologie und Physik vertraut zu machen.

Nach dem massiven Anstieg von CO2 in der AtmosphĂ€re, den KlimaverĂ€nderungen und dem daraus resultierten politischen Beschluss, den Abbau und Verbrauch fossiler Brennstoffe nahezu einzustellen, sind die meisten StĂ€dte im Land bereits energieautark und klimaneutral. Am Anfang war es schwer, sich gegen die Konzerne und ihre Lobbys durchzusetzen, doch gab es eine vernĂŒnftige Alternative? Mit Hambach fing damals alles an. Heute bilden nicht nur die Zahnarztpraxis und das SchulgebĂ€ude einen gemeinsamen Verwertungskreislauf. Öffentliche und private Haushalte verschmelzen immer öfter zu EnergiekreislĂ€ufen, um sich gegenseitig mit Strom, Wasser und WĂ€rme zu versorgen und das Abwasser wieder aufzubereiten und zu nutzen.

Susanne brennt die Morgensonne in den Augen, da sie ihre Keramik-Sonnenbrille zu Hause vergessen hat. Mit schmalen Augen schaut sie in Richtung Seilbahnhaltestelle, die sie nun erreicht. „Ach was ist denn da schon wieder los? So viele Menschen.“ Seit Eröffnung der neuen Verbindung zwischen den Stadtteilen Klotzsche und Gittersee hat sich der Verkehr im Elbtal sehr stark reduziert. Stadtteile, die durch die Elbe getrennt waren, sind jetzt unmittelbar miteinander verbunden. Die neue Infrastruktur erlaubt es, dass die zur Landwirtschaft ungeeigneten FlĂ€chen fĂŒr neue Quartiere und sozialen Wohnungsbau sinnvoll erschlossen werden können. Susanne besteigt die Gondel mit ca. 40 anderen Passagieren. Ihr Blick schweift wĂ€hrend der ruhigen Fahrt ĂŒber das Tal, durch das sich die Elbe in zahlreichen Kurven mĂ€andert. „FrĂŒher musste ich noch durch die ganze Stadt fahren, um zu Hakim zu kommen.“, denkt sie. Ein kleines LĂ€cheln huscht ĂŒber ihr Gesicht, als sie an den Stress denkt, den sie beim Autofahren durch die Innenstadt noch hatte.

Mit einem frisch-fröhlichen „Morgen“ betritt sie Hakims Praxis. Hakim lĂ€chelt, als er sie erblickt und erwidert mit einem lĂ€ssigen „Moin, Susanne.“, um zu demonstrieren, dass er trotz der zahlreichen Patient(inn)en ihren Namen kennt. „Du kannst gern gleich mitkommen, wenn du soweit bist.“
Susanne setzt sich auf den Stuhl und Hakim nimmt seine Instrumente zur Hand. „Bitte den Mund weit aufmachen.“ Auf dem Display an der Wand verfolgt sie, wie der kleine Spiegel, der mit einer Kamera versehen ist, durch ihren Mund wandert und es auf dem Bildschirm grĂŒn aufblinkt, bevor es zum nĂ€chsten Zahn geht. „Deine ZĂ€hne sehen super aus, Susanne.“, lobt Hakim. „Aber was gibt es eigentlich Neues bei dir?“
„Ach“, fĂ€ngt Susanne seufzend an zu erzĂ€hlen.
„Durch meinen Fahrradunfall habe ich gerade reichlich Zeit, mich um meine kleine Parzelle zu kĂŒmmern. Der Winter kommt und ich mache sie gerade winterfest.“
„Das geht mit deinem Arm?“, fragt Hakim nach.
„Ja klar! Schau, ich habe dir sogar etwas mitgebracht.“

Hakims Augen glĂ€nzen, als sie ihm ein paar frische Äpfel zeigt. Als Kind erlebte er noch die AuswĂŒchse der genetisch verĂ€nderten, industriellen Agrarwirtschaft und deren Folgen. Susanne freut sich ĂŒber seine Reaktion. „Garantiert aus biologischem Anbau!“, wirft sie ein. „Seit uns die Stadt die Möglichkeit mit der Parzelle eingerĂ€umt hat, verkauft unsere Kooperative sogar an die SupermĂ€rkte in der Region, da wir Teil des neuen Regio-Labels sind.“
„Eure Äpfel finden bestimmt einen reißenden Absatz“, gibt er mit einem LĂ€cheln zurĂŒck und beißt in einen saftigen Apfel. „Moment, Susanne, fĂŒr die Äpfel wĂŒrde ich dir auch gern etwas Gutes tun.“, sagt er und fĂ€hrt frech grinsend fort: „Was hast du denn heute Abend vor? Du weißt doch, dass ich ab und zu in der Scheune in der Neustadt beim Comedy Slam mitmache. Hast du Lust, mal vorbeizukommen? Ich besorge dir ein Ticket!“

Kurz fĂŒhlt sie sich ĂŒberrumpelt und weiß nicht, wie sie darauf reagieren soll. Er nimmt einen rotierenden Bohrer in die Hand, mit dem er gelegentlich an löchrigen ZĂ€hnen arbeitet und zeigt aus dem Fenster. Eine Brise weht durch das Herbstlaub der BĂ€ume und tanzend fallen bunte BlĂ€tter zu Boden. „Den kann ich immer nur bei ausreichend Wind benutzten, Susanne. Ansonsten ist der Strom einfach zu knapp. Gerade wĂŒrde es passen und ich glaube, ich habe da noch etwas bei dir ĂŒbersehen…“, zwinkert er. Sie hĂ€lt sich die Hand vor den Mund, weil sie zu kichern beginnt und schaut verlegen auf den Boden. „Okay, Hakim, wenn der Saal barrierefrei fĂŒr Menschen mit gebrochenen HĂ€nden ist, komme ich heute Abend mal vorbei.“, witzelt sie zurĂŒck. „Die Frau hat Humor“, denkt sich Hakim und freut sich ĂŒber das mögliche Treffen.

Utopie Nr. III
Wir schreiben das Jahr 2048. Sam und Che sind 18 Jahre alte Freunde, die auf der Reise zu den Ruinen der Wallstreet sind. Auf dem Weg durch Texas sagte Sam: „Hey Che weißt du, dass die Eisenbahn frĂŒher zehnmal so lang brauchte wie die Magnetschwebebahn, um einen solchen Weg hinter sich zu bringen?“ Che antwortete: „Ich könnte mir vorstellen, zehnmal so langsam mit dir zu reisen, wir haben doch viel mehr Zeit als die Menschen vor 20-30 Jahren.“ Che nahm einen tiefen Schluck aus seiner Teetasse und schaute kurz aus dem Fenster auf die hellgrĂŒnen und saftigen Weiden von Texas. Dann fragte er Sam: „Weißt du, wie es dazu kam? Durch den rasanten technologischen Fortschritt konnte sich der Mensch von der fremdbestimmten Arbeit abwenden und einen weltweiten Wohlstand erreichen. So haben wir heutzutage kaum noch GrĂŒnde fĂŒr ExistenzĂ€ngste. Außerdem hatte die Menschheit durch ihre neu gewonnene Zeit die Möglichkeit, aktuelle Probleme der Gesellschaft auf konstruktive Weise zu beseitigen.“ „Ja genau!“ rief Sam enthusiastisch und fĂŒgte hinzu, dass die komplexen Optimierungsprobleme im Warentransport nur durch Ameisenalgorithmen gelöst werden konnten. „Stimmt!“ sagte Che, „Deswegen können wir auch unser Butterbrot so gĂŒnstig genießen.“ „Aber auch die lokale Lebensmittelproduktion trĂ€gt einen großen Anteil dazu bei“ entgegnete Sam und fĂŒhrte weiter aus, dass auch die weltweite Verderbquote durch die verkĂŒrzten Transportwege gesunken ist. Die Magnetschwebebahn fuhr pĂŒnktlich im Bahnhof der Wallstreet-Ruinen ein. Sam und Che stiegen aus und nahmen die Schönheit der Ruinen im Mondschein war und tauchten in die Utopie ihrer Welt ein.
Ein paar Meter weiter entdeckten sie eine FĂŒhrung zur „Neokreidezeit“ der Wallstreet. Che wollte unbedingt mit Sam daran teilnehmen. Bevor die FĂŒhrung begann, fragte Sam in die Gruppe: Wo sind hier die Toiletten?“ Ein alter Herr antwortete: „Es gibt hier keine Toiletten, weil hier alle von allen beschissen wurden“ und fĂŒgte grinsend hinzu „Da drĂŒben sind Toiletten.“